Mut zur Veränderung - Gedanken zum Thema

Mut zur Veränderung – dazu fällt mir eine Menge ein, wenn ich meinen Gedanken freien Raum lasse. Zuerst einmal: Braucht es  denn Veränderungen überhaupt in unserem Leben, und braucht es dafür Mut als Voraussetzung? Und um wen geht es hier - um mich, um die Menschen in meinem Umfeld, um die ganze Gesellschaft? Fange ich bei mir an - was bedeutet das Wort Veränderung für mich? Spontan denke ich an Abschied, aber auch an Aufbruch, an eine Schwelle, die es zu überschreiten gilt. Ganz wie Hermann Hesse es in seinem Gedicht von den Stufen beschreibt. Ein Leben, das „in Tapferkeit und ohne Trauern“ von Raum zu Raum durchschritten wird, in einer Haltung, die empfänglich bleibt für den Zauber, der jedem Anfang inne wohnt.

Als Symbol für die Veränderung fällt mir die Schlange ein mit ihrer Fähigkeit, sich zu häuten. Und zwar immer dann, wenn die alte Haut nicht mehr passt. Die ständige Veränderung ist ihr Programm. Auch ich schuppe mich, selbst wenn die äußere Haut mir bleibt, bin ich heute nicht mehr die, die ich gestern war. Dieses Programm zur ständigen Veränderung, das gibt es auch in mir …

Sollte es vielleicht so sein, dass auch mir die Veränderung als Lebensprogramm in die Wiege gelegt wurde, mit ständigen Häutungs- und Entwicklungsschritten? Brauche ich dazu überhaupt Mut? Woran liegt es, dass ich manchmal glaube, nur mit Mut sei der nächste Schritt, die nächste Entwicklung möglich? Eindeutig: Viele meiner Körper- und Seelenprogramme brauchen gar keinen Mut. Sie laufen einfach ab,  vollziehen sich selbstständig wie die Zellteilung in meinem Körper, permanent und vollkommen unabhängig von Willen und Mut. Mit meinem Geist verhält es sich da anders. Die Gewohnheit wird schnell Programm und erhält so eine Macht über mich. Das gilt auch für den Rhythmus, den ich meinen Lebensbedürfnissen angepasst habe. Oder sind es nicht viel mehr die Bedürfnisse meiner Eltern, Kinder, Freunde, Lehrer, Kollegen und Chefs? Die Bedürfnisse all der Gruppen also, denen ich mich – warum auch immer – zugehörig fühle, die meine Identität ausmachen und ohne die es nicht zu gehen scheint. Wenn ich darüber nachdenke, scheint gerade hier Veränderung Mut zu brauchen.

Neurophysiologisch nachgewiesen ist, dass das „Nicht-Dazugehören“ zu einer Gruppe, zu der ich mich zähle, das Ausgeklammert-sein und -werden, eine Aktivität in Gehirnbereichen erzeugt, die vergleichbar ist mit einem massiven körperlichen Schmerzerlebnis. Körperliche und soziale Übergriffe werden als gleich schlimm wahrgenommen. Das macht mir klar, wann ich Mut für mein eigenes Veränderungs-Programm brauche. Es reibt sich mit meinem Ur-Bedürfnis nach einem Leben in Gemeinschaft, von dem ich Bestätigung und Anerkennung bekommen möchte. Hier braucht es Mut, um aus dieser Gemeinschaft herauszutreten, es braucht Kraft, den seelischen Schmerzen zu begegnen, und es braucht das Vertrauen, dass auch dieser Schmerz nachlässt und die Veränderung für mich passende neue Lebensmuster bereithält. Es ist die Gewissheit, dass die Veränderung mich nährt und trägt. Und so wünsche ich mir und allen, dass wir uns eine Stimmung des  Aufbruchs wie zu Beginn einer großen Reise bewahren. Um es mit dem Schlusszeilen von Hesses Stufen-Gedicht zu sagen: „Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde /  Uns neuen Räumen jung entgegen senden, / Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden... /  Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“                 

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